11.06.2026
Der ukrainische Musiker Oleksii Rybak und das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim eröffnen „Musikalischen Sommer“ in Lienzingen. (Pforzheimer Zeitung und Mühlacker Tagblatt)
Manchmal genügen wenige Klänge, und man betritt einen ganz anderen musikalischen Kosmos. In der gut besetzten, spätgotischen Frauenkirche in Lienzingen war dies beim Eröffnungskonzert des „Musikalischen Sommers“ auf beeindruckende Weise der Fall. Kaum ließ der ukrainische Virtuose Oleksii Rybak die Schlägel über die Saiten seines Cimbaloms, einem Instrument aus der Familie der Zithern, tanzen, öffnete sich für das Publikum eine musikalische Welt voller Sehnsucht, Lebensfreude und tiefer Erinnerungen.
Mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim lud er die Zuhörer auf eine Reise ein, die den Reichtum und die Vielfalt der ukrainischen Kultur widerspiegelte. Die Volksmelodien erzählen von einer Region, deren Ausdruckskraft gerade aus ihren Gegensätzen lebt. Melancholische Gesänge, getragen von einer wehmütigen Seele, scheinen von vergangenen Zeiten zu berichten, ehe temperamentvolle Tanzrhythmen jede Spur von Schwermut hinwegfegen. Immer wieder wechselt die Musik zwischen Licht und Schatten, zwischen Dur und viel Moll ¨– ein ungewohntes Kippeln der Harmonien.
Besonders faszinierend wirkt die traditionelle ukrainische Form des Ensemblespiels, die als „Troisti Muzyky“ bekannt ist. Bei dieser dreiköpfigen Solistengruppe tritt das Cimbalom in ein lebhaftes Gespräch mit einer Solovioline und wahlweise dem Solocello oder dem Solokontrabass. Aus diesen Begegnungen entstehen beglückende Dialoge und Trialoge von größter musikalischer Farbigkeit. Neben Rybak zeigten sich hier der unglaubliche Geiger und Konzertmeister Pawel Zalejski sowie der Solocellist und der Solokontrabassist als absolute Spitzenmusiker.
Zu den Höhepunkten der Matinee zählten jene virtuosen Passagen, in denen sich Rybak und Zalejski gegenseitig zu musikalischen Wettläufen anstachelten. Diese wilden Jagden – musikalisch als fesselnde Strettas angelegt – hetzten atemlos über Oktaven und Harmonien hinweg. Überraschende rhythmische Wendungen und eine beeindruckende Präzision sorgten für gespannte Aufmerksamkeit im historischen Kirchenraum. Dabei offenbarte die Musik stets ihre vielfältigen, tiefen kulturellen Wurzeln.
Über weite Strecken erinnerte sie mit ihren typischen Anderthalbtonschritten an die rauschhafte Spielfreude der Sinto- und Roma. Dann wieder schimmerten unverkennbar Elemente des Klezmers durch – jener jüdisch-chassidischen Musiktradition, die sich historisch stark in der Ukraine ausgebildet hat. Ergänzt wurde diese Mischung durch russische Einflüsse in Form der modalen, orthodox geprägten Melodik Osteuropas.
Rybak gliederte das Konzert klug in die vier Himmelsrichtungen Nord, West, Süd und Ost. In seiner charmanten Moderation berichtete er zudem über die landschaftlichen, kulturellen und ethnischen Besonderheiten der jeweiligen Landesteile.
So wurde die Matinee am Sonntag zu weit mehr als einer reinen Konzertdarbietung. Sie ermöglichte dem Publikum eine tief berührende Begegnung mit den Stimmungen und Geschichten eines Landes, dessen reiche Kultur trotz des fürchterlichen Krieges nichts von ihrer stolzen Ausdruckskraft verloren hat.
(Pforzheimer Zeitung vom 08.06.2026 und Mühlacker Tagblatt vom 11.06.2026, Text und Foto: Dietmar Bastian)