15.09.2026
Bach und Messiaen bei einer außergewöhnlichen Matinee in der Lienzinger Frauenkirche. Das anspruchsvolle Programm trifft den Nerv der Klassikfreundinnen und -freunde aus der Region, die ein Konzert von großer musikalischer Intensität erleben. (Mühlacker Tagblatt und Pforzheimer Zeitung)
Mühlacker-Lienzingen. Die meiste Musik kann man ohne große Vorbereitung hören und unmittelbar genießen. Bei Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ ist das anders. Wer weiß, unter welchen Umständen dieses Werk entstand, aus welcher tiefen Religiosität es erwächst und welche Vorstellung von Zeit ihm zugrunde liegt, hört bewusster.
Bei der Matinee des „Musikalischen Sommers“ in der Frauenkirche Lienzingen wurde daraus ein außergewöhnliches Konzerterlebnis. Messiaen schrieb sein „Quartett vom Ende der Zeit“ 1940/41 als französischer Kriegsgefangener im Stalag VIII A bei Görlitz. Dort traf er auf den Klarinettisten Henri Akoka, den Geiger Jean Le Boulaire und den Cellisten Étienne Pasquier – so erklärt sich die ungewöhnliche Besetzung mit Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier. Am 15. Januar 1941 wurde das Werk in einer unbeheizten Lagerbaracke uraufgeführt.
Der Titel bezieht sich auf die Offenbarung des Johannes und den Engel, der verkündet, dass „keine Zeit mehr sein wird“. Messiaen erwägt den Übergang aus menschlicher Zeit in göttliche Ewigkeit und macht ihn musikalisch hörbar: durch ungewöhnliche Rhythmen, extreme Verlangsamung und schwebende Harmonien. Hinzu kommt seine Faszination für Vogelstimmen, die er immer wieder in Musik übertrug. Anne Katharina Schreiber, Violine, Kristin von der Goltz, Violoncello, und Jutta Ernst, Klavier, bilden das Trio Vivente; für Messiaens Quartett kam die Klarinettistin Shizuyo Oka hinzu. Schon die „Liturgie de cristal“ zog den Hörer in diese eigentümliche Klangwelt hinein. Vogelrufe stehen über einem Geflecht rhythmischer Zyklen, Klänge leuchten auf und verschwinden wieder. Die komplizierten Strukturen waren dabei durchaus zu hören, wurden aber nie zum Selbstzweck. Die vier Musikerinnen spielten mit großer Konzentration und hörten genau aufeinander. Herausragend Shizuyo Okas Klarinettensolo „Abîme des oiseaux“. Sie ließ Töne aus beinahe unhörbarem Pianissimo entstehen, steigerte sie zu großer Intensität und nahm sie wieder zurück. Der Gesang der Vögel, für Messiaen ein Gegenbild zur menschlichen Gebundenheit an die Zeit, wird zum Ausdruck von Freiheit.
Mehr als zwei Jahrhunderte liegen zwischen beiden Komponisten.
Auch in der extrem langsamen „Louange à l’Éternité de Jésus“ für Violoncello und Klavier hielt die Spannung. Kristin von der Goltz spannte lange Linien über die ruhig pulsierenden Akkorde Jutta Ernsts. Nichts wurde forciert, nichts künstlich aufgeladen. Gerade daraus bezog dieser Satz seine Wirkung. Den stärksten Kontrast setzte danach der „Tanz der Raserei für die sieben Trompeten“. Messiaen sprach von „Musik aus Stein“, von „furchterregendem sonorem Granit“. Alle vier Instrumente spielen hier unisono. Mit enormer Präzision und rhythmischer Schärfe entfalteten die Musikerinnen eine Wucht, die in der kleinen Frauenkirche beinahe körperlich zu spüren war. Im abschließenden „Louange à l’Immortalité de Jésus“ steigt die Geigenlinie immer höher, bis sie in Flageolett-Lage verschwindet. Anne Katharina Schreiber spielte diesen Schluss ganz ruhig, ohne ihn mit zusätzlichem Pathos aufzuladen. Ein Ende, das lange nachwirkte. Schreiber hatte die Matinee mit Johann Sebastian Bachs „Chaconne d-Moll“ aus der Partita BWV 1004 eröffnet. Dieses meisterhafte Werk für Violine solo spielte sie eher introvertiert als demonstrativ, klanglich fein austariert und mit großer Natürlichkeit in Artikulation und Phrasierung. Auch die Mehrstimmigkeit blieb stets durchsichtig. Schreiber musste nicht beweisen, was auf der Violine alles möglich ist. Sie ließ das Werk für sich sprechen. Erst Bach, dann Messiaen – welch wunderbare Idee. Mehr als zwei Jahrhunderte liegen zwischen beiden Komponisten, ihre musikalischen Sprachen könnten kaum unterschiedlicher sein. Und doch führt bei beiden die Musik weit über das rein Klangliche hinaus. Dass die mittelalterliche Frauenkirche gut besucht war, überraschte. Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ ist keine bequeme Musik. Sie verlangt Konzentration und Offenheit. Als der letzte Geigenton in der Höhe verschwunden war, blieb für einen Moment nur wohltuende Stille.
(Mühlacker Tagblatt und Pforzheimer Zeitung vom 15.09.2026, Text und Foto: Dr. Dietmar Bastian)