10.11.2025
Mühlacker. Die schönsten Konzerte ereignen sich, wenn man die Musik in natürlich aufblühenden Klängen emotional erleben darf. Dann braucht es weder lehrerhafte musikhistorische Erläuterungen noch Interpretations-Weisheiten. Beim „Herbstkonzert“ im Uhlandbau zur Eröffnung von Peter Wallingers traditionsreicher Mühlacker-Concerto-Reihe wurde ein solches Konzerterlebnis geboten.
Das israelische „Trio Delyria“ mit Elisha Kravitz (Klavier), David Strongin (Violine) und als Gast Yotam Baruch (Violoncello) spielte Klaviertrios von Felix Mendelssohn Bartholdy, dem selten aufgeführten israelischen Komponisten Paul Ben-Haim und Maurice Ravel.
Wellenförmige Fieberschübe
Einleitend interpretierten die drei renommierten Kammermusiker einen wunderbaren Mendelssohn – sein 2. Klaviertrio in c-Moll (op.66). Da gab es in den Allegro-Ecksätzen leidenschaftliche, ja dramatische Auseinandersetzungen, die in wellenförmigen Fieberschüben Unruhe verbreiteten. Es wurde gestaut und beschleunigt. Alle drei Instrumente bereiteten in Anläufen die Melodien auf Spitzentöne vor. Die beiden Mittelsätze zeigten im Andante eine vorübergehend beruhigende, friedvolle, lyrisch fein ausgebreitete Natur und im Scherzo rasantes, rhythmisch ausgeziertes Laufwerk.
Der 1897 in Frankfurt (als Paul Frankenburger) und 1984 in Tel Aviv verstorbene jüdische Komponist Ben-Haim, der bis zu seiner erzwungenen Emigration nach Palästina in München und Augsburg als Kapellmeister arbeitete, hat bewusst versucht, eine spezifisch israelische Musik zu schreiben. Seine nun in Mühlacker vom Trio Delyria päsentierten „Variations on a Hebrew Melody“ vermittelten ein kontrastreiches Klang-Tableau aus dissonant zerrissenen, dann wieder zart zusammen gefügten Melodien, auftrumpfend-lärmenden und elegisch sanglichen Passagen, Klavier-Donner und Streicher-Spitzen.
Ravels Klaviertrio
Und zum Abschluss musizierten die israelisch-deutschen Kammermusiker in völliger Übereinstimmung Ravels Klaviertrio a-Moll, das in ihrer Wiedergabe wie ein locker gefügtes, genial hingeworfenes, aber phantasievoll ausgestaltetes Konzertstück wirkte. Von asymmetrischen Wirbeln durchsetzte baskische Folklore war zu hören, auch sinnlich verträumte Melancholie – neben geschliffenem Flageolett und Pizzikato-Gezupfe in den Streichern und hart gesetzten Klavier-Akzenten.
Passend zum Wetter zeigte sich die Konzertstimmung vorwiegend in Moll. Denn am 9. November sollte man in Deutschland nicht gedankenlos an den berüchtigten Pogromen von 1938 vorübergehen. Wohl deshalb hatte Peter Wallinger dieses ganz besondere Programm zusammengestellt.
Und im Mühlacker Uhlandbau muss auch daran erinnert werden, dass dieses Konzerthaus von jüdischen Mitbürgern, späteren Opfern der Nazi-Diktatur, erdacht und finanziert wurde. Vor solchem Hintergrund beeindruckte das kleine Matinee-Konzert mit großartiger Musik.
(Pforzheimer Zeitung vom 10.11.2025, Text: Eckehard Uhlig, Foto: Bastian)