Beseeltes Moll am Gedenktag zur Reichspogromnacht

11.11.2025

Das Trio „Delyria“ präsentiert ein nachdenklich stimmendes Programm. Foto: Bastian 
Das Trio „Delyria“ präsentiert ein nachdenklich stimmendes Programm. Foto: Bastian

Mühlacker. Es waren sehnsuchtsvoll-klagende, nachdenkliche und tragische Klanglandschaften, in die das Eröffnungskonzert der Winter-Konzertreihe „MühlackerConcerto“ geführt hat. Alle drei Werke der Matinee standen in Moll – einem gespenstischen in Felix Mendelssohns Klaviertrio Nummer 2 c-moll opus 66, einem existenziell-tiefgründigen in Paul Ben-Haims Variationen über ein hebräisches Thema und einem erregt-dramatischen in Maurice Ravels Klaviertrio a-moll. Alles fügte sich am Sonntagvormittag zur schwer lastenden Erinnerung an den 9. November 1938 zusammen, als die Nationalsozialisten das Tor zur Hölle geöffnet haben: der graue Novemberhimmel und das in doppelter Hinsicht „schwere“ Konzertprogramm, das keine und keinen der etwa 60 Zuhörerinnen und Zuhörer unberührt gelassen haben dürfte.

Die drei jüdisch-stämmigen Musiker David Strongin, Violine, Yotam Baruch, Violoncello (in Vertretung für den verhinderten Uriah Tutter), und Elisha Kravitz, Klavier, haben dieses Programm ganz sicher nicht zufällig so zusammengestellt, sondern dürften damit drei Signale verknüpft haben: die Erinnerung an die Pogromnacht, die aktuell so unglaublich schwierige Lage im Nahen Osten und den inzwischen wieder unüberhörbaren Antisemitismus in Deutschland.

Die drei jungen Musiker kennen sich seit ihrer Jugend und arbeiten seit 2020 als festes Ensemble zusammen. Ihr technisches Können ist stupend, Schwierigkeiten scheinen sie nicht zu kennen. Hinzu kommt eine interpretatorische Reife und Tiefe, die man bei so jungen Menschen kaum vermuten würde. Ihren Musizierstil könnte man vielleicht mit dem Begriff „organisch“ umschreiben. Sie hören sich gegenseitig ganz genau zu, geben sich Raum, atmen zusammen und – das ist das Erstaunlichste – teilen ganz offensichtlich dieselben Emotionen. Es muss einen von daher nicht wundern, dass sie inzwischen mehrere Preise errungen haben und in den renommiertesten Häusern auftreten.

Mendelssohns Klaviertrio Nummer 2 in c-moll ist ein leidenschaftliches, hochvirtuoses und düsteres Werk mit nervösem Figurenwerk in den beiden Ecksätzen. Während der 2. Satz Andante eine kurze Verschnaufpause bringt, prescht der 3. Satz Scherzo atemlos dahin. Das „Trio Delyria“ verschafft dem Publikum ein intensives und mitreißendes Hörerlebnis.

Ravels Klaviertrio in a-moll ist ein komplexes und innovatives Kammermusikwerk, das sich durch seine rhythmische Asymmetrie, die Verschmelzung von Barockformen mit moderner modaler und pentatonischer Klangsprache und seine dramatische Ausdruckskraft auszeichnet.

Die für viele Zuhörerinnen und Zuhörer bislang gänzlich unbekannten „Variations on a Hebrew Melody“ von Paul Ben-Haim (1897 bis 1984) dürften die größte Überraschung der Matinee gewesen sein. Das Stück des in München als Paul Frankenburger geborenen und 1933 vor den Nazis geflohenen Komponisten, Dirigenten und Pianisten trägt eindeutig autobiografische Züge. „Das Werk erzählt auf sehr persönliche Weise von seiner schmerzhaften Trennung von der Heimat, von der Fremdheit des Neuen und zugleich von der Faszination für Rhythmus und Klang des östlichen Mittelmeerraumes“, heißt es im Programmheft. Und tatsächlich ist das Widerspiel der eigenen Zerrissenheit und Neugierde Ben-Haims fast mit den Händen zu greifen.

Das Trio „Delyria“ hinterlässt in Mühlacker den besten Eindruck. Das Konzert hat den drei Protagonisten alles abverlangt, technisch wie mental, ebenso dem Publikum, das die emotional aufgeladene Reise mitmachen musste.

Die Reihe wird am ersten Advent mit einem Konzert von „Karidion Brass“, einem Blechbläserquintett aus Karlsruhe, mit virtuoser und festlicher Musik fortgesetzt.

(Mühlacker Tagblatt vom 11.11.2025, Text und Foto: Dr. Dietmar Bastian)